Ashtanga vs Anusara Yoga

Zuletzt aktualisiert:

Ashtanga Yoga reiht dieselbe feste Abfolge aus Sonnengrüßen, Stand- und Sitzhaltungen aneinander, verbunden durch fließende Vinyasa-Übergänge und Ujjayi-Atmung. Anusara Yoga sequenziert dagegen frei, folgt aber in jeder einzelnen Haltung denselben fünf Ausrichtungsprinzipien und einer herzzentrierten Philosophie. Eine systematische Übersichtsarbeit zum Energieverbrauch von Yoga (Medicine & Science in Sports & Exercise, 2016) zeigt, wie weit beide Stile in ihrer körperlichen Intensität auseinanderliegen.

Ursprung von Ashtanga Yoga und Anusara Yoga

Ashtanga (Vinyasa) Yoga geht auf K. Pattabhi Jois zurück, der ab 1927 rund 25 Jahre bei Tirumalai Krishnamacharya in Mysore, Indien, studierte und 1948 dort das Ashtanga Yoga Research Institute gründete. Sein "Mysore-Stil" verbindet Haltungen durch fließende Vinyasa-Übergänge, eine kehlkopfbetonte Ujjayi-Atmung sowie innere Energieverschlüsse (Bandhas), die Kraft im Rumpf halten sollen.

Anusara Yoga ist deutlich jünger: Der Stil wurde 1997 in den USA entwickelt und verbindet Ausrichtungsarbeit aus der Iyengar-Tradition mit nicht-dualer, herzzentrierter Tantra-Philosophie. Der Name bedeutet sinngemäß "im Fluss mit der Gnade" - Übende sollen sich für das Gute im eigenen Körper und in der Praxis öffnen.

Ashtanga vs Anusara im Überblick

Aspekt Ashtanga Yoga Anusara Yoga
Entstehung 1948 in Mysore, Indien 1997 in den USA
Struktur der Stunde Feste Primary Series, immer gleiche Reihenfolge Frei sequenziert um ein Ausrichtungsprinzip
Ausrichtungssystem Bandhas, Drishti, Ujjayi-Atmung Fünf Universal Principles of Alignment
Tempo Fließend, durchgehend in Bewegung Gehalten, ausführliches Cueing pro Haltung
Energieverbrauch Bis zu 7,4 MET in Sonnengruß-Sequenzen Näher am Yoga-Durchschnitt von 2,2 MET
Philosophie Acht Glieder des Yoga (Ashtanga = "acht Glieder") Nicht-duale, herzzentrierte Tantra-Philosophie
Für wen geeignet Wer feste Struktur und körperliche Intensität sucht Wer Ausrichtung mit emotionaler Tiefe verbinden will

Eine Ashtanga-Stunde im Mysore-Stil läuft besonders eigenständig ab: Jede Person übt dieselbe Primary Series im eigenen Tempo im selben Raum, eine Lehrperson geht einzeln von Matte zu Matte und korrigiert. Eine Anusara-Stunde beginnt dagegen meist mit einer kurzen Einstimmung auf ein Thema wie Dankbarkeit oder Mut, das die gesamte Anleitung durchzieht, bevor die Stunde in Meditation oder Savasana endet.

Die feste Primary Series von Ashtanga Yoga

Ashtanga folgt einem klar kodifizierten Aufbau: Auf die Primary Series (Yoga Chikitsa) mit Fokus auf Vorbeugen und Hüftöffnung folgen weitere feste Serien bis hin zur Advanced Series. Jede Haltung ist mit einem festen Drishti - einem fixierten Blickpunkt wie Nase, Nabel oder Daumen - verbunden, der die Konzentration nach innen lenkt und beim Halten des Gleichgewichts hilft. Bandhas, innere Muskelverschlüsse im Becken- und Bauchbereich, sollen die Energie während der fließenden Übergänge im Körper halten.

Die fünf Ausrichtungsprinzipien von Anusara Yoga

Jede Haltung im Anusara Yoga durchläuft dieselbe Abfolge aus fünf Universal Principles of Alignment: Open to Grace, Muscular Energy, Inner Spiral, Outer Spiral und Organic Energy. Anders als bei Ashtanga steht dabei nicht eine feste Reihenfolge von Haltungen im Zentrum, sondern die wiederholte Anwendung dieser Prinzipien auf wechselnde Asanas - kombiniert mit der Idee, dass der Körper ein "würdiges Gefäß für Transformation" ist, statt überwunden werden zu müssen.

Wissenschaftliche Erkenntnisse zu beiden Stilen

Die bereits erwähnte systematische Übersichtsarbeit zum Energieverbrauch von Yoga (2016) fasst mehrere Studien zusammen: Gehaltene Einzelhaltungen liegen im Schnitt bei 2,2 MET, durchgehende Sonnengruß-Sequenzen - wie sie den Ashtanga-Fluss prägen - erreichen dagegen bis zu 7,4 MET und damit moderate bis strenge Ausdauerintensität. Eine Studie zum Energieverbrauch von Vinyasa Yoga (2020) bestätigt diesen Trend für fließende, an Ashtanga angelehnte Stile.

Für ruhigere, alignment-fokussierte Praxis wie Anusara liefert eine Studie zu Energieverbrauch und Atemintensität bei Hatha Yoga (2011) - Volltext via PMC - vergleichbare Werte im niedrigen bis moderaten Bereich, wie sie für gehaltene, präzise ausgerichtete Haltungen typisch sind. Eine biomechanische Untersuchung zu Standbreite und Gelenkbelastung in der Dreieckshaltung (2022) untermauert außerdem den Kernanspruch alignment-basierter Stile wie Anusara: Die richtige Ausrichtung einer Haltung verändert messbar die Belastung auf die Gelenke.

Für wen eignet sich welcher Stil

Wer sich zuerst einen Überblick über alle gängigen Stile verschaffen möchte, findet ihn in Die verschiedenen Yoga-Stile erklärt. Einen Einstieg in die Primary Series bietet Ashtanga Yoga für Anfänger, einen weiteren Anusara-Vergleich Hatha vs Anusara Yoga.

Häufige Fragen

Was unterscheidet Ashtanga am stärksten von Anusara?
Ashtanga folgt einer festen Abfolge von Haltungen, der Primary Series, die jede Praktizierende in derselben Reihenfolge übt, verbunden durch Vinyasa-Übergänge und Ujjayi-Atmung. Anusara kennt keine feste Serie - Lehrende stellen die Stunde frei um eines der fünf Ausrichtungsprinzipien zusammen und legen dabei mehr Gewicht auf präzises Cueing als auf Tempo.
Welcher Stil ist körperlich anstrengender?
Ashtanga, deutlich. Eine systematische Übersichtsarbeit zum Energieverbrauch von Yoga ordnet durchgängige Sonnengruß-Sequenzen bei bis zu **7,4 MET** ein, also moderate bis strenge Ausdauerbelastung. Anusara bewegt sich mit seinem gehaltenen, alignment-fokussierten Tempo eher im Bereich einfacher Yoga-Praxis um die **2,2 MET**, die dieselbe Übersichtsarbeit als Durchschnittswert für gehaltene Haltungen nennt.
Ist Anusara Yoga für Einsteiger geeignet?
Ja, eher als Ashtanga. Anusara baut Haltungen mit ausführlichem verbalen Cueing auf und passt Tempo sowie Auswahl an die Klasse an. Ashtanga setzt dagegen von Beginn an die feste Primary Series voraus, was körperlich fordernd ist und im traditionellen Mysore-Stil viel Eigenverantwortung beim Erlernen der Reihenfolge verlangt.
Was bedeutet Drishti im Ashtanga Yoga?
Drishti ist ein fixierter Blickpunkt, der jeder Haltung in der Primary Series fest zugeordnet ist. Der Blick auf einen bestimmten Punkt - etwa die Nase, den Nabel oder die Daumen - lenkt die Konzentration nach innen und hilft, das Gleichgewicht in den zahlreichen Standhaltungen zu halten.
Muss ich bei Anusara Yoga an Tantra glauben?
Nein. Die nicht-duale, herzzentrierte Philosophie liefert Thema und Sprache der Stunde, ist aber keine Voraussetzung für die Teilnahme. Viele Übende nehmen vor allem die präzise Ausrichtungsarbeit mit und lassen die spirituelle Ebene für sich offen.
Kann ich Ashtanga auch ohne Lehrperson üben?
Im traditionellen Mysore-Stil ist genau das vorgesehen: Jede Person übt die Primary Series in ihrem eigenen Tempo im selben Raum, eine Lehrperson korrigiert einzeln. Wer die Reihenfolge einmal auswendig kann, praktiziert Ashtanga oft eigenständig zuhause - bei Anusara ist das schwieriger, da jede Stunde neu um ein Prinzip herum aufgebaut wird.