Pflanzen haben auch Gefühle! Was die Wissenschaft wirklich sagt

1.1.2026

"Aber Pflanzen haben doch auch Gefühle!" – Wer vegan lebt, hat diesen Satz garantiert schon hundertmal gehört. Meist kommt er mit einem triumphierenden Grinsen, als hätte man gerade das ultimative Argument gegen den Veganismus gefunden. Spoiler: Hat man nicht. Hier ist, was die Wissenschaft wirklich sagt.

Die kurze Antwort

Nein, Pflanzen fühlen keinen Schmerz. Laut Sentient Media: "Schmerz, wie wir ihn verstehen, erfordert ein Nervensystem, ein Gehirn und spezialisierte Schmerzrezeptoren – nichts davon besitzen Pflanzen."

Eine Peer-Review-Studie in PMC fasst den wissenschaftlichen Konsens zusammen: "Zum jetzigen Zeitpunkt besteht wissenschaftlicher Konsens, dass Pflanzen nicht bewusst sind."

Was Pflanzen NICHT haben

Kein Nervensystem

World Animal Protection erklärt: "Pflanzen haben keine Nozizeptoren, kein Nervensystem und kein Gehirn. Bei Arten, die Schmerz empfinden, sind Nervensystem und Gehirn beide entscheidend für diese Erfahrung."

So funktioniert Schmerz bei Tieren (und Menschen):

  1. Nozizeptoren (Schmerzrezeptoren) erkennen schädliche Reize
  2. Das Nervensystem leitet das Signal weiter
  3. Das Gehirn erzeugt die Empfindung von Schmerz

Pflanzen haben keines dieser drei Elemente.

Keine bewusste Wahrnehmung

Eine weitere PMC-Studie stellt fest: "Die erheblichen Unterschiede zwischen elektrischen Signalen in Pflanzen und dem tierischen Nervensystem sprechen gegen eine funktionelle Gleichwertigkeit."

Die elektrischen Signale in Pflanzen (sogenannte "variable Potenziale") bewegen sich mit nur 0,001 m/s – das ist 500- bis 2000-mal langsamer als die Schmerzimpulse in menschlichen Nervenzellen.

Was Pflanzen HABEN

Reaktionen auf Reize

Ja, Pflanzen reagieren auf ihre Umwelt – aber das ist etwas völlig anderes als Schmerzempfinden:

HowStuffWorks erklärt: "Pflanzen nutzen verschiedene chemische und elektrische Signale, um Veränderungen in Licht, Schwerkraft, Temperatur und Berührung wahrzunehmen."

Der Unterschied: Nozizeption vs. Schmerz

Britannica macht einen wichtigen Unterschied: "Nozizeption bei Tieren ist das unbewusste Wahrnehmen schädlicher Reize – das ist selbst noch kein Schmerz, sondern wird erst durch höhere neuronale Verarbeitung zu Schmerz."

Schmerz ist laut der International Association for the Study of Pain: "Eine unangenehme sensorische und emotionale Erfahrung, die mit tatsächlicher oder potenzieller Gewebeschädigung verbunden ist."

Emotional. Das erfordert Bewusstsein. Das erfordert ein Gehirn.

Das Anästhesie-Argument

Manche führen an, dass Pflanzen auf Narkosemittel reagieren – also müssten sie doch Bewusstsein haben, oder?

PMC widerspricht: "Die Empfindlichkeit von Pflanzen gegenüber Anästhetika zeigt nur die universellen, hemmenden Effekte dieser Substanzen auf alle lebenden Organismen. Das sollte nicht mit ihrer spezifischen Wirkung auf Nervensysteme verwechselt werden."

Anästhetika wirken auf zellulärer Ebene – bei allen Lebewesen. Das beweist kein Bewusstsein.

Warum das Argument in sich zusammenfällt

Das logische Problem

Your Vegan Fallacy Is erklärt: "Das 'Pflanzen haben Gefühle'-Argument ist eines der schwächsten gegen den Veganismus. Es ist so widersprüchlich, dass es tatsächlich ein Argument FÜR den Veganismus darstellt."

Warum? Einfache Mathematik:

Für 1 kg Rindfleisch werden 4-13 kg Pflanzen benötigt.

Wenn dir Pflanzen am Herzen liegen, solltest du sie direkt essen – nicht erst an Tiere verfüttern.

The Minimalist Vegan bringt es auf den Punkt: "Selbst wenn Pflanzen Schmerzen empfinden könnten, sterben in einem Fleischsystem mehr Pflanzen. Die Tiere müssen Pflanzen fressen, um zu wachsen. In dieser Gleichung sterben mehr Pflanzen, als wenn Menschen sie direkt essen würden."

Die Tu-quoque-Falle

Das Argument ist ein klassischer logischer Fehlschluss: Das Tu-quoque ("Du auch!").

Veganer sagen: "Tiere können leiden."
Antwort: "Pflanzen haben auch Gefühle!"

Das ist keine Widerlegung – das ist ein "Du-bist-nicht-besser-als-ich"-Argument. Selbst wenn es stimmen würde, würde es nichts an der Tatsache ändern, dass Tiere nachweislich leiden können.

Die Wissenschaft ist eindeutig

Eine umfassende Studie in Protoplasma kommt zum Schluss: "Obwohl diese bemerkenswerte Reaktion durch physischen Schaden ausgelöst wird, ist das elektrische Warnsignal nicht gleichbedeutend mit einem Schmerzsignal. Wir sollten eine verletzte Pflanze nicht als eine Pflanze in Schmerzen vermenschlichen."

Was wirklich dahintersteckt

Seien wir ehrlich: Die meisten Menschen, die dieses Argument bringen, sorgen sich nicht wirklich um Pflanzen.

Es ist ein Ablenkungsmanöver – ein Versuch, das Gespräch von dem nachgewiesenen Leid der Tiere wegzulenken. Niemand weint beim Rasenmähen. Niemand hat Gewissensbisse beim Salatschneiden.

Fazit

Die Wissenschaft ist klar:

  1. Pflanzen haben kein Nervensystem – sie können keinen Schmerz empfinden
  2. Reaktion ist nicht gleich Gefühl – Pflanzen reagieren auf Reize, erleben sie aber nicht bewusst
  3. Selbst wenn – würde der Veganismus immer noch weniger "Pflanzenleid" verursachen
  4. Das Argument ist ein Fehlschluss – es widerlegt nichts, es lenkt nur ab

Das nächste Mal, wenn jemand "Aber Pflanzen haben auch Gefühle!" sagt, kannst du mit einem Lächeln antworten: "Interessant – dann solltest du erst recht vegan leben. So sterben weniger Pflanzen."


Die Wissenschaft steht auf der Seite der Pflanzen – und der Veganer. Reaktion ist nicht gleich Bewusstsein, und Überleben ist nicht gleich Leiden.